Im Frühjahr 2024 riefen die Theater Chemnitz zu einer Schreibwerkstatt unter dem Titel „Greif zur Feder, Chemnitz“ auf. Die Schreibwerkstatt war als ein Projekt im Umfeld der Opernproduktion „Rummelplatz“ angesiedelt. Werner Bräunig, Autor des Romans „Rummelplatz“, der erstmals 2007 publiziert wurde, war Korrespondent der Karl-Marx-Städter Volksstimme, Mitglied einer AG Junger Autoren der Wismut AG und studierte später am Literaturinstitut „Johannes R. Becher“. Einst verwendete Werner Bräunig die Losung „Greif zur Feder, Kumpel!“ für einen Aufruf an die Arbeiter:innen in der DDR, literarisch tätig zu werden und aus dem Leben zu schöpfen. Losgelöst vom damaligen kulturpolitischen Kontext nahm die Schreibwerkstatt der Chemnitzer Oper den Gedanken auf – literaturbegeisterte Menschen fanden sich zusammen, um in Workshops aus eigenem Erleben zu schreiben oder persönliche Themen zu verarbeiten. So entstand ein Mosaik authentischer Stimmen aus Städten Europas. Die Schreibwerkstatt „Greif zu Feder, Chemnitz“ wurde von Johannes Frohnsdorf und Friederike Partzsch, beide vom Theater Chemnitz, betreut. Die künstlerische Anleitung und Betreuung erfolgte durch Arna Aley, erste Literaturstipendiatin der Stadt Chemnitz 2022/23. Die Workshopleitung in Łódź hatte Maciej Robert inne.

22 Bürgerinnen und Bürger der Stadt Chemnitz und Umgebung wurden unter ca. 45 Bewerbungen ausgewählt, um unter Anleitung von Arna Aley zu schreiben. Übergreifendes Thema war immer die Auseinandersetzung mit
Chemnitz und dem Image von Chemnitz. Die 22 Teilnehmer der Schreibwerkstatt – von der Abiturient:in bis zur
Rentner:in – setzten sich intensiv mit dem Leben in der Stadt auseinander, sprachen kritische Punkte an, hinterfragten eigene Vorstellungen, um Chemnitz attraktiv und anziehend und liebenswert zu gestalten und anderen Bürgerinnen und Bürgern sowie den Gästen der Kulturhauptstadt nahe zu bringen.

Die Gruppe zu Beginn des Projektes, 2024 im Stefan-Heym-Forum/Kulturkaufhaus Tietz.

Neben unserer Gruppe in Chemnitz, die sich seit April 2024 zu Workshops unter der Leitung der Schriftstellerin Arna Aley traf, gab es auch eine Gruppe am Literaturhaus Łódź. Die Teilnehmenden aus beiden Ländern standen im steten Austausch miteinander, denn neben der Literatur und den Schreiberfahrungen ging es auch immer um Sichtweisen auf das Leben in den
beiden Städten. Die literarischen Texte, die in der Werkstatt in Łódź und Chemnitz entstanden, liegen in Form eines zweisprachigen Buches vor. Das Buch der Schreibwerkstatt ist über die Vorverkaufsstellen der Theater Chemnitz erhältlich.

Wir in Chemnitz trafen uns einmal im Monat, immer an einem Wochenende (Sonnabend und Sonntag) in den Räumen des Stefan-Heym-Forums um Texte zu schreiben, unsere Texte einander vorzutragen und gemeinsam zu korrigieren. Wir besuchten die Ausstellung „Sieh dir den Menschen an“ im Museum Gunzenhauser und besuchten das Carlfriedrich Claus-Archiv, gestalteten Lesungen in der Stadt- und der Unibibliothek.

Mit den Gästen aus Łódz und Usti trafen wir uns im Stefan-Heym-Forum, um über das Schreiben zu diskutieren, jeder las seine Texte vor. Am Begrüßungsabend wurde zur Verpflegung unserer Gäste durch uns ein Imbiss vorbereitet. Wir führten unsere Gäste aus Łódź und Usti durch Chemnitz, zeigten ihnen die Innenstadt mit dem Rosenhof, die Hartmannfabrik, den Brühl, den Schillerplatz, den Falkeplatz und den Sonnenberg. Bei unseren Ausstellungsbesuchen und bei den Treffen mit unseren Gästen aus
Łódz und Usti entstanden vor Ort neue Texte.

Aktivitäten der Schreibwerkstatt in den Jahren 2024 und 2025
(Bilder sind in der Galerie zu finden)

12.10.2024: Lesung der Chemnitzer Schreibwerkstatt in der Stadtbibliothek Chemnitz

15.11.-17.11.2024: Besuch der Gruppe aus Łódź in Chemnitz

18.01.2025: Teilnahme an der offiziellen Eröffnungsfeierlichkeit Europäische Kulturhauptstadt 2025

08.02.2025: Lesung der Chemnitzer Schreibwerkstatt in der Stadtbibliothek Chemnitz

21.03.-23.03.2025: Besuch der Chemnitzer Gruppe in Łódź

Frühjahr 2025: Ausgründung einer Schreibwerkstatt aus der Chemnitzer Gruppe heraus zur Fortsetzung des literarischen Schaffens

04.04.2025: Teilnahme am Tag der Unibibliotheken in Chemnitz (Parcours Deutschlandradio)

17.05.2025: Premiere eines zweisprachigen Buches mit Texten der Teilnehmer:innen aus Łódź und Chemnitz in der
Stadtbibliothek Chemnitz mit Live-Schaltung nach Łódź

24.-25.05.2025: Besuch einer assoziierten Schreibwerkstatt aus Ústí nad Labem in Chemnitz

31.05.2025: Lesung im Stadtmuseum Düsseldorf (sowie ein vor Ort entstandener Text)

21.06.-23.06.2025: Lesereise mit den Kulturzug nach Wrocław (Breslau) gemeinsam mit der Gruppe aus Łódź; Lesung im
Haus Proza in Wrocław (Breslau) unter Leitung von Maciej Robert; gemeinsame Lesung im Kulturzug auf der Rückfahrt (www.kulturzug.berlin)

01.11.-02.11.2025: Besuch der Chemnitzer Gruppe bei der assoziierten Schreibwerkstatt in Ústí nad Labem

Unsere Schreibwerkstatt bestand leider nur bis zum Ende der Spielzeit 2025 bzw. endete mit der Premiere der Oper „Rummelplatz“. Im Frühjahr 2025 erfolgte eine Ausgründung der Schreibwerkstatt unserer Chemnitzer Gruppe um das literarische Schaffen und die Zusammenarbeit fortzusetzen. Arna Aley stellte im Sommer 2024 eine „Hausaufgabe“ über die Sommerferien: Charaktere entwickeln für ein Projekt „Grand Chemnitz Hotel“. Jeder entwickelte einen Charakter, dem Arna Aley später einen anderen Charakter zuodnete und wir erhielten als weitere Aufgabe, einen Dialog zu gestalten, angelehnt an Arthur Schnitzlers „Der Reigen“ und „Menschen im Hotel“ von Vicki Baum. Das Resultat kulminierte nach mehreren Monaten Arbeit in einer szenischen Lesung unter der Regie des Kollektivs.
28.03.2026: Uraufführung „Grand Chemnitz Hotel“ im Hotel Chemnitzer Hof
22.05.2026: Zweite Aufführung „Grand Chemnitz Hotel“ in der Hartmannfabrik

Mitten in der Generalprobe der szenischen Lesung im Atrium des Chemnitzer Hofes.

Im Anschluss an das „Grand Chemnitz Hotel“-Projekt richtete sich die Gruppe dank einer Mikroprojekt-Förderung im Brückenjahr 2026 der Chemnitz 2025 gGmbH neu aus. Mit dem neuen Projekt „Unter einem Dach“ steht die Beschäftigung mit Generationen(-konflikten) und dem gesellschaftlichen Zusammenleben im Vordergrund. Im Zuge dessen wird es Lesungen und schlussendlich eine zweite Buchveröffentlichung der Schreibwerkstatt Chemnitz geben.

Wir haben sehr viel mehr positive Seiten unserer Stadt kennengelernt und durch den Kontakt mit den Kollegen aus den Partnerstädten interessante Verbindungen in unserer gemeinsamen europäischen Geschichte entdeckt und auch gleiche Probleme feststellen können.
Das Kennenlernen und die Begegnung mit den Menschen, der Austausch, die Buchpräsentationen, das Lesen und das Reisen gaben uns sehr viel Anregung und Motivation – generationenübergreifend, kreative Texte, so viele Menschen – und jeder hat 1000
und mehr Ideen, ein ganzer Kosmos an Ideen. Chemnitz hat Potential.



Text: Margit, Konstantin